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Unser Heimatort wird Kampfgebiet, Enteignung, Verschleppung und Massensterben

Am Samstag, den 30.September 1944, trifft von Stefansfeld kommend ein Vorposten der Russen, etwa 20 – 25 Mann stark, mit einem Offizier an der Spitze in Lazarfeld ein. Sie lassen sich auf Stefansfelder Wagen anfahren. Ihr erster Weg führt sie in das Gemeindehaus und von dort zur Post. Hier reißen sie die Telefonleitung heraus. Im Gemeindehaus erkundigen sich die Russen, ob jemand in der Gemeinde russisch spreche. Der im 1.Weltkrieg in Lazarfeld verbliebene russische Kriegsgefangene, Herr Andreas Kubrikow, fungiert als Dolmetscher. Der Offizier erkundigte sich nach deutschem Militär im Ort oder in der Umgebung. Andreas Kubrikow verneint. Trotzdem durchsuchen die Soldaten mehrere größere Gebäude, so auch das Gasthaus Budo. Hier befinden sich 25 Mädchen, die an einem Lehrgang für Kindergärtnerinnen teilgenommen haben. Als die Mädchen die Russen erblicken, stieben sie in wilder Flucht über die Zäune der Gärten hinweg. Gegen Abend ziehen sich die Russen in das am Dorfende gelegene HNr.la, des Paulus Ludwig zurück. Die Familie Paulus erschreckt der Anblick der Russen dermaßen, dass sie, ohne etwas mitzunehmen, Hals über Kopf nach Klek läuft. (Diese Flucht nach Klek erwies sich für die Familie Paulus als Rettung; denn mit den Klekern gelangte sie nach Deutschland). Noch in dieser Nacht plant die Lazarfelder "Deutsche Mannschaft" einen Überfall auf den russischen Vortrupp und fordert aus Klek Verstärkung an. Auf Anraten einiger erfahrener und besonnener Männer aus dem 1.Weltkrieg und des Herrn Kubrikow unterlässt man dieses Unternehmen.

Am Sonntag, den l.Oktober, bei Tagesanbruch verlässt der russische Stoßtrupp Lazarfeld und zieht sich gegen Stefansfeld zurück. Der neue Tag bricht an, ein Tag, den die Lazarfelder nie vergessen werden. Um 8 Uhr des genannten Tages wird unter dumpfen Trommelschlag verkündet: "Alle männlichen Bewohner ab 16 Jahre fassen im Gemeindehaus Gewehre und Munition, treten am gegen Sartscha gelegenen Wassergraben an und schlagen die vermeintlichen Partisanen zurück!" Auch dieses Unternehmen wird dank besonnener Männer vereitelt. Gegen 9 Uhr lässt ein Angestellter der Volksgruppenführung Flugblätter verteilen. Sie besagen: "Wer ohne Bewilligung der Volksgruppenführung flüchtet. wird aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen." Der Text dieses Flugblattes sollte das Schicksal der Lazarfelder endgültig besiegeln. Obwohl die gesamte Bevölkerung Lazarfelds bereit ist, aufzubrechen, die Wagen sind bepackt, die Pferde brauchen nur noch angespannt zu werden, wagt niemand die Flucht. Gestikulierend stehen sie auf den Straßen ihres Heimatortes herum und ihre Gesichter spiegeln Angst und unendliche Ratlosigkeit wider. Und die Zeit verrinnt. Und mit jeder Stunde, die Lazarfelder Turmuhr verkündet. schmilzt die Hoffnung, doch noch den Russen zu entrinnen, dahin. Welch ungeheure Schuld haben damals die Verantwortlichen der Volksgruppenführung auf sich geladen, weil sie ihr Leben höher einschätzten als das Tausender. Der letzte Ton des Zwölfuhrläutens, es ist das letzte, ist kaum verklungen, da marschiert die Spitze der Roten Armee über die Sartschaer Brücke in Lazarfeld ein. (Just in diesem Augenblick nehmen die Familien Peter Rasimus und Dr. Georg Zwirner die Chance zur Flucht wahr.) Eine gut ausgerüstete Truppe, die alle Waffengattungen umfasst, folgt. Die Russen sind so zahlreich, dass jedes Haus 20 - 30 Mann einquartiert bekommt. Alle Pferde und Vorräte werden beschlagnahmt. Um ein weiteres Vordringen der russischen Armee zu vereiteln, werden Truppen der deutschen Wehrmacht eilends aus dem Balkan nach Großbetschkerek eingeflogen. Sie beziehen in und um Alexandrowo und Klek Stellung. Die deutsche Artillerie beginnt mit der Beschießung Lazarfelds. Die erste Granate schlägt in das Pfarrhaus ein und tötet die Haushälterin Elisabeth Hess. Ein zweites Geschoß trifft den Kirchturm und legt ihn in Schutt und Asche. Der Kampf um unseren Heimatort dauert die ganze Nacht. Gegen 23 Uhr dringt deutsche Infanterie in den nördlichen Teil des Dorfes ein und wirft die Russen bis in die Hälfte des Dorfes zurück. Dabei passiert es, dass in, manchen Häusern unten deutsche Soldaten eindringen, während sich die Russen auf den Dachböden versteckt halten. In dem Chaos dieser Straßenkämpfe gelingt zwei weiteren Familien die Flucht. nämlich den Familien Schmidt Josef und Schneider Josef. Im Morgengrauen des 2.Oktober erhalten die Russen Verstärkung und drängen die deutschen Truppen gegen Großbetschkerek zurück. Der Kampf um den Flugplatz und um das Theißufer bei Aradaz beginnt, Inzwischen plündert die russische Soldateska unseren Heimatort. Ungestüm dringen sie in die Häuser ein und fordern von den Bewohnern Uhren, Schmuck und Geld. Schneider Nikolaus und Scheuermann Jakob, die sich weigern, ihr Geld sofort herauszugeben, werden von den Sibiriaken auf die Strafe gezerrt und niedergeknallt. Das gleiche Schicksal ereilt Angehörige der "Deutschen Mannschaft". die in Lazarfeld Unterschlupf gesucht haben. Noch bevor sie Gelegenheit haben, sich ihrer Uniform zu entledigen, werden sie von den Russen aufgegriffen und niedergemacht. So verbluten unter den Kugeln der Rotarmisten die Lazarfelder Pfendt Nikolaus, Schmidt Ludwig, Merkler Johann: ferner Professor Koch aus Großbetschkerek und Lehrer Gustav Wildner (Schwager des Lorenz Lang) aus Werschetz. Was sich in den ersten Tagen und Nächten der russischen Besetzung in Lazarfeld abspielt, lässt sich mit Worten kaum beschreiben. Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen sind an der Tagesordnung. Um dieser Schmach zu entgehen, stürzt sich die 50 jährige Barbara Neidenbach Frau des Dominik Neidenbach, in den Brunnen und ertrinkt. Die nächsten Tage bringen für die Lazarfelder weitere Einquartierungen und Plünderungen durch die Russen. Schweine Kälber werden geschlachtet; unsere Frauen müssen Tag und Nacht Essen zubereiten und große Mengen Brot backen. Zieht ein Truppenteil weiter, so nimmt er neben unseren guten Pferden auch Getreide und Futter für sie mit. Ställe und Speicher leeren sich zusehends: das Dorf liegt in wenigen Tagen ausgeplündert da: zumal auch die Partisanen und Serben in Scharen in den Ort strömen und holen, was ihnen gefällt.

Gleich nach dem Einmarsch der russischen Verbände reißen die Partisanen die Macht an sich. Systematisch beginnen sie, die deutsche Bevölkerung zu Zwangsarbeit heranzuziehen. Schon am nächsten Tag lassen die neuen Machthaber durch Trommler verkünden. Dass sich alle Männer beim Gemeindehaus einzufinden haben. Den herbeigeeilten Lazarfelder wird befohlen, die Gefallenen des Kampfes um Lazarfeld zu sammeln und zu beerdigen. In den Maisfeldern liegen etwa 25 Russen und 15 deutsche Soldaten (hauptsächlich Angehörige der Verfügungseinheit). Nachdem im Friedhof ein Massengrab geschaufelt ist, bestattet man darin rechts die Deutschen und links die Russen. Laufend müssen sich in den folgenden Tagen alle Einwohner beim Gemeindehaus einfinden. Partisanen führen sie auf die Felder, Partisanen stehen schussbereit daneben, wenn unsere Landsleute die Ernte für die Sieger einbringen. Der 20.Oktober l944 rückt heran, ein Tag. den wir Lazarfelder nie vergessen werden, nie vergessen können. Wieder stehen unsere Männer vor dem Gemeindehaus und warten auf die Befehle von Titos Partisanen, Namen werden verlesen; 42 Angehörige der „Deutschen Mannschaft" kehren in ihre Häuser nicht mehr zurück, verbringen eine Nacht voller Ungewissheit im Gemeindehaus. Viehwaggons befördern sie am nächsten Tag in das gefürchtete Lager Großbetschkerek. (Für die meisten dieser Männer sollte es die Endstation ihres Lebens werden. siehe Verzeichnis!)

Ein Lazarfelder, einer der wenigen Überlebenden dieses Schreckenslagers, berichtet folgendes: „Bereits am 5.Oktober hatten die Partisanen Deutsche aus Großbetschkerek im Lager inhaftiert. Später ging man daran, Männer der umliegenden Ortschaften in das Lager zu verfrachten. Wir Männer wurden rücksichtslos behandelt, geprügelt, gequält. Unser Leidenstag begann bereits um 4 Uhr. Das Frühstück bestand aus einer leeren Suppe. Den ganzen Tag über mussten wir schwer arbeiten. Nach 14 Stunden Arbeit erhielten wir um 18 Uhr wieder eine leere Suppe. Diese Verpflegung hätte selbst den Gesündesten unter uns innerhalb weniger Wochen zugrunde gehen lassen, wenn die Lagerinsassen nicht die Möglichkeit gehabt hätten, von ihren Angehörigen, Bekannten oder auch von der serbischen Bevölkerung während der Arbeitszeit heimlich Lebensmittel zu bekommen. Wehe aber dem, der dabei erwischt wurde: Er war der Willkür der Partisanen ausgeliefert. Zu jeder Nachtzeit führte man die Gefangenen zum Verhör oder zur Erschießung. An die Wand gestellt wurden Anfangs jene, die entweder gut gekleidet, körperlich besonders Stark oder durch Krankheit und Schwäche arbeitsunfähig geworden waren. Schuld und Nichtschuld zählte überhaupt nicht. Man ließ die Leute antreten, wählte dann eine bestimmte Zahl von Häftlingen aus, brachte sie in einen separaten Raum und ließ sie entkleiden. Nachdem man die Unglücklichen mit Draht zu Vieren zusammengebunden hatte, schleppte man sie auf die Schießstätte, dem alten militärischen Schießplatz von Großbetschkerek und streckte sie nieder. das war systematischer Mord an uns Deutschen, keine Vergeltungsaktion der Serben an uns. Befanden sich doch unter den Opfern auch Landsleute aus Rumänien, die ja mit den Serben nie Berührung gehabt hatten. Die Zahl derer, die im Großbetschkereker Lager erschossen wurden, lässt sich nicht genau erfassen, etwa l200 bis 1500 Männer. Festgehalten aber wurden die Erschießungen im Protokoll, in das alle Lagerinsassen Aufnahme fanden. Starb einer oder wurde er erschossen, so stand hinter seinem Namen der Vermerk: "Gestorben am ...." Gefangene führten unter Anleitung eines Partisanen das Protokoll. Ich selbst arbeitete eine Woche (Mitte Februar 1945) in der Lagerkanzlei. In dieser Zeit konnte ich beim Durchblättern des Protokolls feststellen, welche meiner Bekannten noch lebten und wo sie sich befanden. Auch Fälle, von denen ich genau wusste, dass sie erschossen worden waren, trugen den Vermerk "gestorben am ...." Selbst reichsdeutsche Soldaten fielen dem Massaker der Partisanen zum Opfer. Am 28.Oktober 1944 hatten die Partisanen 150 Deutsche niedergemacht und den Vermerk "gestorben am ...." eingetragen. An anderen Tagen waren Erschießungen kleinerer Gruppen gefolgt, die ungefähr 30 Personen umfassten. Diesen "Massenmord" rechtfertigten die Partisanen mit angeblichen Vergeltungsmaßnahmen. Täglich mussten wir einmal, manchmal auch öfter in Dreierreihen auf dem Hof antreten: Den Grund hierfür wussten wir vorher nie. Manchmal wählten die Partisanen Gefangene aus, um sie an einen anderen Ort hinbringen zu lassen; manchmal suchten sie die Erschießungsopfer aus. Die Namen dieser Opfer wurden erst nachträglich aufgeschrieben. Manchmal kam es vor, dass ein Partisan aus der Gruppe der Todeskandidaten einen Bekannten herauszog und dafür einen anderen hineinsteckte, damit die Zahl wieder stimmte. Dieser von den Partisanen begünstigte trug aber im Lagerbuch den Vermerk "gestorben am ...." So traf ich einen Verwandten (A.K. aus Lazarfeld) hinter dessen Namen ich den Vermerk "gestorben am ...." gelesen hatte, bei voller Gesundheit im Lager an. Auch er hatte sein Leben einer solch "glücklichen" Austauschaktion zu verdanken. Diese Art des Lagerlebens dauerte ungefähr bis Mai 1945, Auf Intervention der Russen nahmen die Erschießungen ab sofort ein Ende. Von dieser Zeit an arbeiteten wir auf den Feldern. Erschießungen erfolgten nur noch bei Fluchtversuchen.

Kehren wir wieder zurück nach Lazarfeld! Vor Weihnachten 1944 verbreitet sich dort wie ein Lauffeuer die Nachricht, eine russische Kommission sei im Dorf eingetroffen. Unseren Landsleuten schwant nichts Gutes. Die Kommission fordert die Bevölkerung auf, sich in der Mittleren Gasse zu sammeln: Das Tanzbein solle im Gasthaus Simon geschwungen werden, so geht die Mähr. Nachdem die Dorfbewohner den Tanzboden aufgesucht haben, merken sie, dass hier nicht getanzt, sondern gemustert wird. In Listen werden die Namen der arbeitsfähigen Lazarfelder, männlichen und weiblichen Geschlechtes, die das 18. Lebensjahr vollendet und das 35. bzw. 50. noch nicht überschritten haben, festgehalten, dann entlässt man sie nach Hause. Niemand kann in dieser Nacht in Lazarfeld Schlaf finden, zu schwer lastet die Angst und die Ungewissheit auf unseren Landsleuten. Da, mitten in der Nacht, pocht es an die Türen der Gemusterten: Warme Kleidung sei anzuziehen, Verpflegung in einem Rucksack mitzunehmen, fordert eine barsche Stimme. "Nur ein kurzer Arbeitseinsatz, ihr seid bald wieder daheim", so tröstet man die ängstlichen Gemüter. Am 1.Weihnachtsfeiertag bewegt sich ein trauriger Zug von 99 Lazarfelder, 13 Männern und 86 Frauen und Mädchen durch die Mittlere Gasse, eskortiert von hämisch grinsenden Partisanen. Herzzerreißende Szenen spielen sich ab. Kinder klammern sich an die Röcke ihrer Mütter und schluchzen: "Modder, net geh fort, holluns mit, loß uns net Alleen!" Mit Kolbenschlägen trennen die Partisanen die unglücklichen Kinder von ihren noch unglücklicheren Müttern. Einige Mütter, die das Los nicht getroffen hat, schließen sich freiwillig diesem Elendszug an, um bei ihren Töchtern zu sein. Und die übrigen Lazarfelder stehen ohnmächtig vor Wut am Straßenrand und wissen jetzt, dass auch ihr Leidensweg nicht mehr fern sein wird. Nachdem dieses Hundert Unglücklicher Großbetschkerek erreicht hat, pfercht man 35 - 40 Personen wie Vieh in Waggons und deportiert sie nach Russland, in die Kohlengruben bei Stalino. Über 20 Tage dauert die Fahrt, über 20 Tage sehen die Deportierten kaum den Himmel, bekommen sie kaum etwas zu essen. In Stalino angekommen, treibt man sie in primitivste Unterkünfte und schickt sie in die Stollen der Antrazitkohlengruben von Stalino. Seite an Seite mit deutschen Kriegsgefangenen schuften unsere Frauen, Mädchen und Männer unter Tage, vor Ort und an den Hunden, tagelang, wochenlang, monatelang, ja jahrelang. Hunger und Kälte, Krankheit, Verzweiflung und Misshandlung sind ihre ständigen Begleiter. Als sie endlich nach fünfjähriger unmenschlicher Zwangsarbeit zu ihren Angehörigen zurückkehren, ist ihre Jugend, ihr Lachen dahin, sind die meisten von ihnen von einem heimtückischen Leiden gekennzeichnet. Für drei Frauen, für drei Mädchen, für einen Mann kommt der Tag der Entlassung zu spät: Irgendwo im kalten Stalino sucht man ihr Grab vergebens. Bevor ich nun dieses Kapitel abschließe, lassen Sie mich noch von einer Familientragödie berichten: Für obig geschilderten Transport hatte man auch den 42jährigen Thomas Galy, HNr.152 und dessen zwei Töchter, Elisabeth, 18, und Katharina, 17, ausersehen. Um diesem Schicksal zu entrinnen, versteckte sich die ganze Familie in einer Strohtriste. Die Partisanen bemerkten bald das Fehlen der drei Galys. Sie umstellten mehrere Gehöfte und durchsuchten sie. Da stöberten sie die Gesuchten in der Strohtriste auf. Die Partisanen forderten Galy auf, mit seiner Familie herauszukommen. Nach- dem Galy dieser Aufforderung nicht sofort genügte, eröffneten die Partisanen auf die Strohtriste das Feuer. Im Nu stand diese in Flammen. Nur Frau Galy gelang es im letzten Moment dem Flammenmeer zu entrinnen. Vater und Töchter aber verbrannten bei lebendigem Leibe.

Die Enteignung der Deutschen in Jugoslawien wurde durch die Avnoj - Beschlüsse vom 21.November 1944 in die Wege geleitet. (Siehe beglaubigte Übersetzung).

Und wieder fordert das Großbetschkereker Lager seinen Tribut. Am 13.Januar 1945 müssen 26 Männer aus Lazarfeld den Marsch in das berüchtigte Großbetschkereker "Einserlager" antreten. Fünf von ihnen überleben die Misshandlungen in der "Todesmühle" nicht. (Siehe Verzeichnis). Immer mehr Nachschub fordert die Leitung dieses Lagers, zu groß ist der Ausfall an Menschen, die durch Erschießungen, Folterungen und Unterernährung zugrunde gehen. Dabei kommt unsere Gemeinde im Vergleich zu anderen deutschen Gemeinden noch verhältnismäßig glimpflich davon: Es müssen weniger Männer den Leidensweg in dieses Lager antreten. Ende März 1945 erfassen die Partisanen unsere Kranken und gebrechlichen Leute und transportieren sie in das Kathreinfelder Lager. In diesem Krankeninternierungslager für den Bereich des mittleren Banats sterben in kurzer Zeit fast alle an den erlittenen qualvollen Misshandlungen. (Siehe Verzeichnis!) Am 18. April 1945 werden unsere braven Landsleute aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen und Massenquartiere, getrennt nach Geschlecht und Alter, aufzusuchen. In der Schule, in den Gasthäusern, in der Sparkasse und in den größeren Bauernhäusern vegetieren nun 20 - 30 Personen zusammengepfercht in einem Raum ohne Mobiliar dahin. Auf hartem Stroh lagern die Bedauernswerten, nur eine dünne Decke schützt sie vor der Kälte. Die Kleider, die sie auf dem Leibe tragen, sind ihre einzige Habe. Von diesem speisen in der gemeinsamen Küche und dürfen ihre Lagerstätte nicht verlassen.

Unsere Dorfgemeinschaft hat aufgehört zu bestehen. Nach rund 150 Jahren harter und aufopferungsvoller Arbeit von sechs Generationen müssen die Lazarfelder der brutalsten Gewalt, die bar jeder Menschenwürde ist und jeglicher Grundrechte des Menschen spottet, weichen. Unverschlossen, einsam und verlassen stehen die Häuser da, in denen sie Freud und Leid, Glück und Segen von ihrem Herrgott empfangen durften. Und die planmäßige Ausrottung unseres Volkes geht weiter. Ende April 1945 trifft es die 16, 17 und 18 jährigen Mädchen, also die Jahrgänge 1927, 1928, 1929. Szenen, die kaum beschrieben werden können, spielen sich ab: weiß man doch, dass es ein Abschied für immer sein kann. Und wieder schließen sich Mütter freiwillig an, um bei ihren Töchtern zu sein. Unter Partisanenbegleitung treibt man die unglücklichen Geschöpfe nach Großbetschkerek, verfrachtet sie in Viehwaggons und transportiert sie in das Internierungslager Mitrowitza (Sremska Mitrovica). In einer ehemaligen Seidenspinnerei hausen unter menschenunwürdigen Verhältnissen zeitweise über 1000 Personen. Sofort nach der Ankunft beraubt man die Mädchen ihres Haarschmuckes. In harter Fronarbeit gehen Frühling, Sommer und Herbst dahin. Die Verpflegung in diesem Lager wird von Tag zu Tag weniger und schlechter; die Gesichter unserer Mädchen sind fahl und grau geworden. Im Dezember gibt es im Lager kein Gramm Fett. Nur einmal täglich löffeln die ausgemergelten Gestalten ihre Polentasuppe, die aus 50 g Maisschrot zubereitet ist. Der Winter 1945/46 kommt heran. Da bricht um die Jahreswende über das Lager eine Flecktyphusepidemie herein. 25 % aller Mädchen sterben eines qualvollen Todes. Niemand hat die Kraft, niemand nimmt sich Zeit, Einzelgräber zu schaufeln: In Massengräber wirft man die entstellten Leichen. Mitrowitza hat seinen Ruf, eines der schrecklichsten Internierungslager zu sein, aufs grausamste bestätigt. Die Verschleppung nach Russland, das Internierungslager Mitrowitza und andere Vernichtungslager dezimieren unsere Jugend, die Blüte unseres Volkes.

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