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Vernichtungslager Rudolfsgnad

Wer geglaubt hat, dass wenigstens Mütter, Säuglinge, Kleinkinder und Waisenkinder, ältere, kranke und arbeitsunfähige Landsleute einer Internierung entgehen werden, der sieht sich maßlos getäuscht: Mitte Oktober 1945 bleibt auch ihnen das Golgatha nicht erspart. Rudolfsgnad (Knicanin) heißt das Konzentrationslager, das für viele von ihnen Endstation ihres Lebens werden soll. 3200 Einwohner hat das Dorf, das im Theiß - Donau - Dreieck liegt, einmal gezählt. Schon Ende November hat man hier über 20 000 Personen des Banats zusammengetrieben. Je nach Größe der Räume siechen darin 20 - 30 Personen dahin. Sie lagern auf blanken Fußböden, die mit dünnem Stroh bedeckt sind. Eine Zudecke kennen sie nicht. Das Lagerstroh wird während der ganzen Lagerzeit (Auflösung des Lagers im März 1948) weder gewechselt noch ergänzt. Es besteht kaum Möglichkeit, sich zu waschen und die Wäsche zu wechseln. Freie Bewegung innerhalb des Lagers ist nur am Tage gestattet. Nachts bewacht die Volkspolizei die Häuser mit Argusaugen. Die Ernährung ist dürftig, karg. Sie umfasst die berüchtigte Maisschrotsuppe, den Polentabrei, etwas verschimmeltes Maisbrot und dünnen Tee. Wie freuen sich die Lagerinsassen, wenn es zur Abwechslung einmal Bohnen-, Rüben- und Kürbissuppe gibt! Fleisch, Fett und oft auch Salz sucht man in diesen Suppen vergebens. So erhalten die Gefangenen im Januar 1946 pro Person 70 g Salz, etwa fünf Pfund Maisschrot, aber kein Fett und kein Brot. Später teilt man den Hungrigen ein Pfund Maiskörner zu. Diese Ration muss drei Tage reichen. Das ist zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Von Hunger getrieben, werden die Dachböden nach Essbarem durchsiebt, Weizenkörner aufgelegen, mit einem Stein zu Mehl verrieben und gierig verschlungen. Längst sind die Hunde und Katzen Rudolfsgnad in die Kochtöpfe unserer Landsleute gewandert, ja sogar Tierkadaver werden nicht gescheut. Erst im Mai 1946 werden die Lebensmittel regelmäßiger zugeteilt, werden die Tagesrationen um ein Quäntchen vergrößert. In den Hütten der Inhaftierten geht nicht nur der Hunger um, sondern auch die klirrende Kälte: Heizmaterial wird im ersten Winter (1945/46) nicht zugeteilt. Man sammelte dürres Gras, Schilfrohr, Reisig und was man sonst an Brennbarem finden kann. Krankheiten greifen nun um sich: In Rudolfsgnad beginnt der Tod seinen Mantel auszubreiten. Täglich rafft er 80 - 90 Personen, manchmal auch mehr, dahin. Die Toten hüllt man in Säcke oder Lumpen ein und legt sie vor die Haustüre. Morgens poltern Wagen durch Rudolfsgnad. Fast an jeder Haustüre halten sie an. Wie Holzscheite werden die Gestorbenen auf die Leiterwagen geschlichtet. Schwer beladen rumpeln sie mit ihrer unheimlichen Fracht zum Friedhof. Gewaltige Massengräber warten dort auf ihre Opfer. Kein Priester spricht ein Gebet. Dumpf prallen die Leiber auf dem feuchten Boden auf. Und jeden Tag wiederholt sich diese schaurige Szene.

Aber es kommt noch schlimmer. Im Spätherbst 1945 wird Rudolfsgnad von einer Grippeepidemie heimgesucht. Ein Massensterben setzt ein. Die Opfer: Kleinkinder und ältere Personen. Anfangs Januar 1946 gesellt sich zur Grippeepidemie noch das Fleckfieber. Flöhe, Kopf- und Gewandlaus tragen zur Ausbreitung dieser Krankheit wesentlich bei. Im Februar 1946 erreicht das Massensterben seinen Höhepunkt. Die Totengräber, Landsleute, müssen in jenen Tagen bis zu 150 Leichen bestatten. Erst im April 1946 wird man dem Fleckfieber Herr. Bis Ende Januar 1946 nimmt das Massengrab im Ortsfriedhof die Toten auf. Darin ruhen ungefähr 1000 Lagerinsassen. Im Februar 1946 schaufelt man auf der Teletschka, einer Anhöhe etwa 2 km südlich des Ortsrandes, ein noch viel größeres Massengrab. Hier ruhen fast 9000 Tote. In beiden Massengräbern haben 269 Lazarfelder, davon 39 Kinder im Alter von 1 - 13 Jahren, ihre letzte Ruhestätte gefunden. Erwachsene können eher Hunger ertragen, nicht aber Kinder. Mütter, Großmütter und Großväter vermögen nicht mehr mit anzusehen, wie ihre Kleinen vor Hunger sterben. Nachts verlassen sie das scharf bewachte Lager, schleichen sich an benachbarte serbische Gemeinden heran, betteln um Nahrungsmittel, stehlen Nahrungsmittel. Sie wissen, dass sie dieses Wagnis vielleicht mit dem Leben bezahlen; denn werden sie erwischt, erwartet sie die Kugel des Wachpersonals. Und trotzdem! Erschütternd das Schicksal einer jungen Lazarfelder Mutter: Heimlich verlässt sie in diesem strengen Winter das Lager, um für ihre Kinder in der 17 km entfernten serbischen Gemeinde Tschenta Lebensmittel zu betteln. Mitleidige Seelen haben ihr Brot, Käse, Fett und Fleisch für ihre Kinder mitgegeben. Freudig eilt sie dem Lager entgegen. Aber der Schnee liegt Kniehoch, die Nacht ist kalt, Kleidung und Schuhwerk sind zu schlecht: Erschöpft bricht sie unter einem Baum zusammen, schläft ein und erfriert. Zwei unmündige Kinder warten vergebens auf Ihr Kommen. Nachdem unsere Märkte und Dörfer von den Bosniaken in Besitz genommen sind, werden die Heimatlager restlos aufgelöst und ihre Insassen, unsere Landsleute, nach Rudolfsgnad verschleppt. Kinder, deren Mütter nach Russland deportiert worden sind, befinden sich bei den Großeltern oder Verwandten. Sterben diese, so liefert man sie in Kinderheime ein. Schlechte Pflege und mangelhafte Ernährung lassen sie zu Skeletten abmagern. Beine und Arme sind sehr dünn, Kopf und Bauch aber außerordentlich dick. Manche Kinder sind außerstande zu gehen: sie kriechen nur mehr auf allen Vieren dahin. Später gelangen diese armen Geschöpfe in Kinderheime nach Macedonien und Slowenien. Nach Jahren brachte das Rote - Kreuz diese Kinder, auf dem Wege der Familienzusammenführung, zu ihren Eltern bzw. Verwandten nach Österreich oder Deutschland. Sie sprechen nur noch serbisch; da sie ihre deutsche Muttersprache völlig vergaßen. In Deutschland erlernten sie, in einer eigens dafür errichteten Schule, ihre deutsche Muttersprache wieder.

Anfang Januar l948 geht ein Flüstern durch Rudolfsgnad: "Die Lager werden aufgelöst". Tatsächlich trifft wenig später eine Kommission ein. Alle Personen werden Familienweise erfasst, nach Angehörigen wird gefragt. Am 1.März 1948 ist es soweit: Rudolfsgnad hört auf zu bestehen. Am 28.Februar 1948 werden unsere Lazarfelder in das Pantschowaer Ried umgesiedelt. Dort müssen sie in den landwirtschaftlichen Großbetrieben arbeiten. Drei Jahre haben sie sich verpflichten müssen, um dem Lager Rudolfsgnad zu entrinnen. Die Arbeitsunfähigen und die alten Leute bringt man in ein Barackenlager nach Karlsdorf, das als Altenheim bezeichnet wird. An ein zurück in die alte Heimat denkt niemand mehr; denn unsere Häuser sind enteignet, von Bosniaken bewohnt. Das Sinnen und Trachten unserer Landsleute richtet sich darauf, dieses fremd gewordene, verhasste Land für immer zu verlassen, „heimzukehren" in jenes Land, aus dem ihre Vorfahren vor 250 Jahren so hoffnungsvoll aufgebrochen sind. Zwei Möglichkeiten bieten sich an: Flucht oder legale Ausreise. Erstere Möglichkeit stellt ein Wagnis auf Leben und Tod dar, zweitens ist mit sehr hohen Kosten verbunden (12000 Dinar), die ein schnelles Ausreisen verzögern, ja fast unmöglich machen.

Aber nicht nur die Zivilbevölkerung Lazarfelds wird von den Partisanen gequält und langsam hingemordet, dieses Schicksal müssen auch Angehörige der SS Division "Prinz Eugen" erdulden, wenn sie das Pech haben, in deren Gefangenschaft zu geraten. Von einer "Genfer Konvention" scheinen diese Marodeure noch nie etwas gehört zu haben. Dazu einen authentischen Bericht eines Angehörigen dieser Waffengattung. "Am 5. Mai 1945 befanden wir uns in Karlowac. Wir versuchten, uns in Richtung Österreich durchzukämpfen. Bei Celje gerieten wir in Gefangenschaft. In Varazdin wurden die Offiziere von uns getrennt. (Sie gelten seither als vermisst). Sofort trennt man uns in Oberbanater unter Führung der Friedrich Kapitän (gebürtiger Lazarfelder) und Unterbanater mit Peter Ziwei aus Stefansfeld (ehemals Hilfslehrer in Lazarfeld). Am 21.Mai 1945, Pfingsten, abends zwischen 18 und 19 Uhr erreichte die Gruppe Kapitän nach einem Gewaltmarsch Novo Selo - Dugo Selo bei Ran. Wir wurden zu 50 abgezählt. Ich überschlug: 30 Gruppen zu je 50 Mann ergibt 1500 Mann. 16 Mann, darunter auch ich, sie hielten uns noch für Kinder, wurden von den anderen abgesondert. Um l/2 3 Uhr morgens verließen wir 16 Novo Selo - Dugo Selo. Drei Jahre später erfuhr ich von Botoscher Serben, dass alle 1500, außer uns 16, in Novo Selo - Dugo Selo einem Massaker zum Opfer gefallen waren. Nachdem sie ihre Massengräber geschaufelt hatten, wurden je vier Mann mit Draht aneinander gebunden. In Zwölferreihen standen sie hintereinander vor dem Massengrab. Maschinengewehre mähten Gruppe für Gruppe nieder". Unter den 1484 Erschossenen befinden sich auch über 80 Lazarfelder Familienväter und Söhne. Die genaue Zahl lässt sich nicht feststellen. Die Ermordeten sind im Verzeichnis als Vermisste angeführt.

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